Mein Buchprojekt "Auf der Straße" von 1979 kombiniert Schwarzweißfotos aus Portugal, die in der Ortschaft Aldeia da Ponte entstanden, mit kurzen Texten und Poesiestücken, die ich zwischen 1974 und 1979 geschrieben habe.
Abschied
Ein Mädchen steht am Fenster und winkt mir nach. Doch es berührt mich fremd. 
Abschied   von vertraut gewordener Umgebung, von Häusern und Menschen. 
Abschied   wie schon so oft und doch so anders. Denn diesmal umhüllt mich Nacht, und die Straße, auf der ich gehe führt nach Nirgendwo.
Die Lichter in den Häusern am Wegesrand sind verloschen. Verloschen ist auch der Mut in mir, wieder zurückzukehren.
Dieser dunkle Schlund der Straße zieht mich hinab. 
In der Stadt
Die Straße hat mich heute in eine Stadt geführt. Die zuerst noch weit auseinanderstehenden Häuser sind immer mehr zusammengerückt. Sie scheinen sich nun schon fast zu stapeln. Menschen irren in diesem Gewühl aus Mauern hin und her. Gesichter tauchen an mir vorbei und verschwinden im  Nichts. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Das Atmen fällt mir schwer. Die mich umgebenden Häuser drohen, mich zu erdrücken. Plötzlich legt sich eine Hand von hinten auf meine Schulter und eine Stimme sagt: Ich grüße Dich, Verlorener. Ich stelle ohne Verwunderung fest, das  es meine Stimme ist, drehe mich um, blicke nun in mein eigenes Gesicht und gebe zurück: Auch ich grüße Dich, Einsamer. So stehen wir uns einen Augenblick lang schweigend gegenüber. Welch wunderliche Begegnung.
Doch da ruft auch schon die Straße wieder nach mir.  Ich werde fortgerissen vom Strom der Menschen. Unsere hingehaltenen Hände können sich nicht mehr finden.
Abstieg
Der Mann, der die Kerze trug, konnte selbst kaum etwas in dem glitschigen Gang erkennen. 
Wie viele Tage waren sie wohl schon unterwegs? Niemand hätte sagen können, ob es Wochen waren oder gar Monate. Sie alle waren müde. Doch keiner hätte schlafen können in dieser grausamen Welt des ewigen Suchens. Sie waren beherrscht von nur einem Gedanken, vom Gedanken an den ersehnten Punkt, wo endlich wieder helles, klares, natürliches Licht in ihre düstere Welt dringen würde. 
Viele von ihnen hatten diesen Abstieg in die Welt des stetig Ungewissen schon längst bereut. Manche waren umgekehrt oder hatten sich am Rand des Ganges niedergekauert, stumpfen Blickes das Ende erwartend. Ein paar Unentwegte waren fliegenden Schrittes voraus geeilt, um dann gänzlich erschöpft und ohne Hoffnung doch zurück zu bleiben. Nur sehr wenige hatten den Mut besessen, unbeirrt weiter vorzudringen. Wie oft schon hatten sie geglaubt, ein fernes Licht zu erkennen oder einen leisen Lufthauch zu verspüren. Dies alles richtete ihre Körper stets von Neuem auf und gab ihnen die Kraft, tiefer in diese Welt des Unerforschbaren vorzudringen. Doch immer mehr von ihnen gaben auf.
Monate oder vielleicht auch Jahre später schlich endlich nur noch ein alter Mann müde und apathisch durch den Gang. Er wusste nicht mehr, wonach er eigentlich suchte.
Doch er ging weiter.
Er ging immer weiter.
Was hätte er auch anderes tun sollen?
Begegnung im Nebel
Die Gestalt nahm allmählich Form an, wenn auch der dichte Nebel noch ihr Gesicht verschleierte. Vorsichtig näherte sich Pedro ihr von der Seite, bis er sie klar vor sich sah. Es war eine junge Frau, die sich zu dieser frühen Stunde auf der Bank im Park niedergelassen hatte. Er betrachtete die Erscheinung ein paar Minuten lang und überlegte, ob er sich neben sie setzen sollte, denn diese Bank diente sonst ihm all morgentlich zum Verweilen.
Sie saß während dieser ganzen Zeit des Nachdenkens regungslos da, was ihn ein wenig beunruhigte, denn zu schlafen schien sie nicht, vielmehr starrte sie intensiv auf einen unbestimmbaren Punkt im Nebel.
Ob er sie ansprechen sollte? Vielleicht benötigte sie Hilfe. Vielleicht erwartete sie diese Hilfe gerade von ihm, der er jeden Morgen in diesem Park spazieren ging. Er verharrte unschlüssig.
Plötzlich schob sich eine Nebelwand zwischen ihn und die Bank, die ihm jede Sicht raubte. Er lenkte seine Schritte vorsichtig in die Richtung, in der er die Bank vermutete, fand sie und setzte sich nieder. Doch sie war leer.
Im Sumpf
Die Straße ist zäh geworden. Jeder Schritt ist eine Qual. Steinbrocken und schlammige Pfützen versperren mir den Weg. Der Verlauf der Straß verliert sich vor mir in der Landschaft, die genauso trostlos und kahl ist wie sie selbst. Immer wieder gerate ich auf Seitenpfade, die dann irgendwo urplötzlich enden. Ich habe Angst - Angst vor dieser Straße, Angst vor der Ungewissheit dieses, meines Weges.
Ich blicke mich um, doch da wo eben noch Straße war, ist jetzt Sumpf. Umkehr ist nicht mehr möglich. Ich stolpere weiter. Immer wieder rutsche ich aus, raffe mich auf, krieche, laufe, falle weiter.
Da wo gestern noch Hoffnung war, ist heute Verzweiflung.
Der Palast
Der Palast
Die ewige Straße, auf der ich nun schon so lange gehe, hat soeben einen Knick gemacht. Die Wälder, die sie bis dorthin säumten, weichen allmählich zurück und geben den Blick frei auf ein langgestrecktes Tal. Ich atme auf. Ich werfe meine Arme in die Luft. Ich beginne zu laufen und wild zu tanzen. Ich bücke mich, um eine Blume zu pflücken. Sie duftet nach Wiesen. Dort steht ein altes, verfallenes Haus. Ich trete über die Schwelle und bin in einem Palast. Eine große kahle Halle umgibt mich. Ich gehe auf die Marmortreppe zu, ergreife das Geländer, doch es zerbröckelt unter meinen Händen, die Stufen zerfallen zu Staub. Ich fliehe wieder auf die Straße zurück und fühle, wie der Palast hinter mir lautlos in sich zusammensinkt. Doch ich komme nicht mehr dazu, mich umzublicken, denn die Straße, dieser Dämon, hat mich bereits in eine unergründliche Ferne fort gerissen.
Das Seil
Ich hänge nun schon seit Stunden hier.
Oder sind es bereits Tage?
Anfangs habe ich noch versucht, mich Stück für Stück am Seil hochzuziehen, denn das das untere Ende, das ich unter mich blickend manchmal zu erkennen glaube, baumelt über einem unermesslichen Abgrund. Doch meine Kräfte sind bei diesen Anstrengungen erlahmt. 
Ich habe das Seil um meinen Körper gewickelt, um ein wenig auszuruhen. Aus meinen Händen, an denen Hautfetzen herunterhängen, quillt jetzt kaum noch Blut. Ich fühle mich matt und schwindlig. 
Ich glaube, mich zu drehen. 
Ich schließe die Augen. 
Übelkeit befällt mich. 
Ich übergebe mich. 
Ich huste. 
Ich ringe nach Luft.
Es wird das Beste sein, diesen ungerechten Kampf aufzugeben.

Die Pause
Ich habe mich auf einem Baumstumpf niedergelassen, um ein wenig auszuruhen, und blicke nun auf die Straße. Und je länger ich sie betrachte, scheint sie mir einem Strom gleich, einem I mal reißenden, i mal seichten Strom, auf dem ich nun schon seit Jahren treibe, ohne zu wissen, wohin er mich eigentlich führen wird.
Meine Gedanken beginnen zu wandern. Ich sehe Bilder aus der Vergangenheit wie in einem großartigen Kaleidoskop vor mir aufblitzen. Doch es sind nur Bilder, und ich  fühle weder Kummer noch Freude in mir, während ich sie betrachte.
Was wird wohl die Zukunft bringen? - Ich hebe den Kopf und betrachte den Verlauf der Straße. Doch ich komme nicht mehr dazu, weiter nachzudenken, denn schon umspült der Strom der Straße wieder liebkosend meine Füße, und kaum habe ich mich erhoben, bin ich fortgerissen in diese ersehnt gefürchtete Zukunft.

Pedro und die Spirale
Pedro lag auf deinem Bett und hörte Musik. Er fühlte sich müde und schwach, doch er war innerlich zu sehr aufgewühlt, um einschlafen zu können. So blickte er versonnen zur Decke, die kaum noch etwas von ihrer ursprünglichen Farbe erkennen ließ und von Schrammen verunziert war. Er begann unterschiedliche Formen miteinander zu vergleichen, und je länger er es tat, desto mehr schienen sie ihm Menschen ähnlich zu sein, denn die Bahnen dieser Schrammen waren wie die Lebensläufe der Menschen länger oder kürzer, flacher oder tiefer, gerade oder gekrümmt .
Welche dieser Schrammen mochte wohl für sein Leben stehen? Er betrachtete sie noch einmal aufmerksam, doch keine sagte ihm hundertprozentig zu.
Da erhob er sich langsam von seinem Bett, nahm einen Stuhl und stellte ihn — zuerst zögernd, dann aber fest entschlossen  auf den Tisch. Mit Hilfe dieses Gerüstes gelang es ihm ohne Mühe , die Decke zu erreichen, in die er nun langsam und sich immer tiefer in den weichen Gips bohrend, eine Spirale ritzte. Dann holte er aus seiner Werkzeugkiste den größten Haken, den er besaß, und drehte ihn in der Mitte der Spirale in die Decke. Schließlich nahm er ein Stück Wäscheleine und verknotete es fest mit dem Haken. Aus dem herabhängenden Ende formte er eine Schlaufe, in die er seihen Kopf legte.
Er hörte noch, dass die Platte, die sich auf dem Plattenteller drehte, einen Sprung hatte, dann stieß er den Stuhl mit den Füßen weg.

Das Gefängnis
Die Sonne brach sich in tausend schillernden Farben in den taubehafteten Pflanzen des frühsommerlichen Waldes. Pedro erhob sich langsam von dem Rasenfleck am Bach, auf dem er ein paar Minuten lang vor sich hingeträumt hatte, und setzte seinen Spaziergang fort. Er hatte schon längst die Waldpfade verlassen und arbeitete sich nun durch dichtes Unterholz. Er war so sehr damit beschäftigt, seinen Füßen einen sicheren Halt zu suchen, dass er die Mauer erst bemerkte, als er unmittelbar vor ihr stand. Es starrte sie verwundert an. Weder zur einen Seite hin, noch zur anderen war ein Ende abzusehen. Die Mauer war gerade hoch genug, dass er sie ohne Hilfsmittel nicht hätte bezwingen können. Was mochte wohl hinter dieser Mauer sein? Nie hatte er etwas von ihr gehört. Er wandte sich nach rechts und setzte seinen Spaziergang an der Mauer entlang fort. Er vermochte nicht, sich von ihr zu lösen, zu sehr war ihr geheimnisvolles Rätsel in sein Bewusstsein gedrungen. Vielleicht würde er irgendwo einen Durchgang finden, oder wenigstens eine Spalte, die ihm einen Blick auf die Welt hinter der Mauer gewähren würden. Doch soweit er auch ging, er fand nichts dergleichen.
Die Sonne hatte schon längst ihren Zenit überschritten und machte sich nun daran, allmählich hinter den Bäumen unterzutauchen. Doch Pedro nahm davon gar nichts wahr. Ihn bewegte nur noch ein Gedanke: was war hinter dieser Mauer? Und als er am Abend erschöpft niederkauerte, wusste er, dass es von nun ab für ihn nur noch ein Ziel gab, nämlich hinter die Mauer zu gelangen. Denn irgendwo in sich ahnte er, dass dies die Mauer eines Gefängnisses war, eines Gefängnisses, dessen Gefangener er war.

Verlorene (1977)
Immer noch hocken sie da 
und ich 
mache Knoten in meine Arme, 
um mich zu erinnern, 
wie es früher war, 
als ich noch da saß, 
dem stillen Trunke ergeben, 
über mich ein Leichentuch aus Selbstmitleid gebreitet, 
halb Schmuck, 
halb Tarnung, 
das Bierglas wie eine Fackel in der Hand.
Sie hocken immer noch da. 
Nichts hat sich geändert 
außer den Gesichtern 
und 
außer meinem Standpunkt.
übermorgen
letzter Tag des siebten Monats 
schon 
erahnt 
doch nicht erwartet 
schnell kamst du 
Tag der Wende 
erstes Ende eines Anfangs
zwei Tage noch 
und 
wir sind auf dem Weg 
in die sieben Jahre


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